Meine Vision
Eine Nacht mit sechzehn
Ich war sechzehn, als es passierte. Eines Nachts verließ mein Bewusstsein den Körper, und ich fand mich in einer Vision wieder, die mich bis heute trägt.
Ich wanderte durch eine Landschaft, die nicht die war, die ich kannte. Kahle Wälder. Vergiftete Seen und Flüsse. Die Luft schwer. Am Wegesrand lagen Tiere, krank und leidend, und ich konnte ihren Schmerz fühlen, als wäre er mein eigener — einen stummen Schrei durch die ganze Tier- und Pflanzenwelt.
Weiter ging ich, kam in bewohnte Gebiete, Städte, in denen kriegsähnliche Zustände herrschten. Zerfallene Häuser, Brände auf den Straßen. Mitten im Chaos sah ich eine Mutter mit ihrem Kind. Sie wirkte wie von Sinnen, abwesend, als hätte sie sich längst verloren. Das Kind schrie, die Knie aufgeschürft, hungrig, suchte nach ihr — und sie konnte es nicht wahrnehmen. Dieser Anblick hat sich eingebrannt. Ich trug das Leid der Welt mit, zum ersten Mal in meinem Leben.
Das Tipi
Erschüttert ging ich weiter und kam in ein Gebiet, in dem die Natur wieder ganz war. In der Ferne, auf einer Lichtung, stand ein Tipi. Etwas zog mich dorthin.
Von außen war es ein einfaches Zelt. Als ich eintrat, öffnete sich ein Raum, so groß wie ein Festsaal. An einem Feuer in der Mitte wartete ein Indianer auf mich, lange graue Haare, traditioneller Schmuck, Lederschurz. Er stand auf, kam zu mir, und sein Gesicht strahlte. Er hatte auf mich gewartet.
Er stellte sich vor mich und schaute mir in die Augen. Ich fiel wie in Trance. Durch seine Augen sah ich das ganze Universum — Planeten, Sterne, Weiten, die nicht aufhörten. Sein Körper war nur eine Hülle, in der die Schöpfung existierte. Ich brach in Tränen aus.
Die Berührung
Er lächelte, fasste mich sanft an den Schultern und brachte mich zurück. „Hey", sagte er, „ich muss dir noch mehr zeigen."
Er hob die rechte Hand und berührte mich am Herzen. Mir wurde warm. Von der Brust aus breitete sich etwas aus, und ich fühlte mich ausdehnen, in alle Richtungen. Der Weltschmerz, der mich vorher erdrückt hatte, war verwandelt. Was blieb, war eine Verbundenheit mit allem. Ruhig. Klar.
Auch das war so viel, dass ich fast das Bewusstsein verlor. Er rüttelte mich wach, lächelte, wie immer, und legte dann seine Hand auf meine Stirn. Etwas öffnete sich. Die Szene löste sich auf — er, ich, das Tipi, alle Formen. Ich war das Universum. Kein Körper mehr, nur Bewusstsein, das sich über alles erstreckte, durchdrungen von etwas, für das mir bis heute die Worte fehlen.
Was er mir sagte
Dann hörte ich seine Stimme: „Nein, geh noch nicht. Es ist noch nicht Zeit. Ich muss dir eine wichtige Botschaft geben."
Langsam spürte ich meinen Körper wieder. Die Szene kam zurück — das Tipi, das Feuer, er vor mir, lächelnd. „Das war der erste Schritt auf deinem Weg", sagte er. „Diesen Weg wirst du dein ganzes Leben lang gehen. Und bald wird dich dein erster Lehrer erwarten."
Dann drehte er mich an den Schultern um und stieß mich aus dem Tipi. Ich wachte auf, senkrecht im Bett sitzend, Tränen auf den Wangen, erschüttert.
Philipp „Spirit Bear"
Ich sprach mit niemandem darüber. Nicht mit meinen Eltern, nicht mit den Freunden, bei denen ich im Urlaub war. Die Erfahrung wirkte lange nach, doch mit der Zeit zweifelte ich, ob sie überhaupt etwas bedeutet hatte.
Bis ich vier bis sechs Wochen später nach der Schule zu meinem Lieblingsbuchladen ging, der Buchhandlung Sirius. Vor der Tür stand das Werbeaufstellschild mit den Neuigkeiten. Darauf: Indianischer Schamane gibt Einzelsitzung.
Alles kam zurück. Die Vision. Der Schamane. Seine Worte.
Ich ging hinein. Peter, der Besitzer, stand an der Kasse: „Hey Tim, schön, dass du da bist. Philipp erwartet dich schon." — „Wer ist Philipp?" — „Philipp, das ist der Schamane. Er hat gesagt, du würdest kommen."
Ich konnte das kaum einordnen. Aber ich wartete. Eine halbe Stunde später kam sein letzter Klient aus dem Hinterzimmer. Ich trat ein — und es war wie ein Nachhausekommen. Nicht dieselbe Gestalt, die mir in jener Nacht erschienen war, aber es war Philipp „Spirit Bear" Kansa, ein Schamane, der mich willkommen hieß.
„Du hast bestimmt viele Fragen", sagte er. „Wir können jetzt schon reden. Und wenn du willst — am Wochenende geben wir ein Seminar in der Nähe. Wenn es dir gefällt und deine Eltern einverstanden sind, kannst du bei mir eine Ausbildung beginnen."
Das war mein erster Schritt auf dem Weg des Schamanismus.
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„Alles ist das Göttliche — und in allem erfährt es sich selbst.“
Wohin ruft dich dein Weg?
Vielleicht hast du eine Vision. Vielleicht nur eine leise Ahnung — oder einfach das Gefühl, dass da etwas in dir Raum sucht. Wenn du dir Begleitung wünschst: lass uns ins Gespräch kommen.